Mit der äußerst freundlichen Genehmigung von:
EU.L.E.N-SPIEGEL 4/2005
Wissenschaftlicher Informationsdienst des Europäischen Institutes
für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) e.V.
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11. Jahrgang, 18. Oktober 2005 ? http://www.das-eule.de 

Folsäure:
Schwangere in der Pflicht

Von Jutta Muth

"Die Schwangerschaft ist keine Krankheit!" Dieser freundliche Hinweis taucht immer wieder in Frauenratgebern auf, bevor eine ganze Litanei von "Tipps für eine gesunde Schwangerschaft" auf die Leserin niederprasselt. Ob Ernährung, Körperhygiene, Sport oder Sex:

Die selten wissenschaftlich fundierten Anordnungen reglementieren alle Lebensbereiche und strafen die anfängliche Aussage Lügen. Sie beschneiden rigoros die Selbstbestimmung der Frauen, indem sie fordern, dass diese alles unterlassen, was ihrem Kind möglicherweise schaden könnte, und alles tun, was nach populärer Meinung für einen ordnungsgemäßen Schwangerschaftsverlauf notwendig ist.

Unsere Urgroßmütter hätten über die Fülle an Ratschlägen nur gestaunt. Bei ihnen war das Kinderkriegen eine Selbstverständlichkeit und eine besondere Rücksichtnahme auf die zahlreichen Schwangerschaften selten üblich oder möglich. Im Gegenteil: Sie hatten trotz allem einen großen Haushalt zu versorgen ? und das ganz ohne Waschmaschine, Mikrowelle und Wegwerfwindeln.

Furcht statt Freude

Da die deutsche Durchschnittsfrau statistisch gesehen 1,2 Kinder zur Welt bringt, das heißt die erste Schwangerschaft oft auch die einzige bleibt, sind Planung und Überwachung oberstes Gebot. Bei den zehn bis zwölf vorgesehenen Untersuchungen prüfen Ärzte im Abstand weniger Wochen, ob sich der Fötus planmäßig entwickelt. Und je öfter sie untersuchen, desto öfter finden sie natürlich auch Normabweichungen. Inzwischen listet der Mutterpass stolze 52 Risikofaktoren auf. Je nach Dichte der Gynäkologenpraxen gelten bereits 50-80 Prozent aller Fälle als Risikoschwangerschaften, was zu noch mehr Kontrollen führt und damit zu noch mehr Angst statt ?freudiger Erwartung?.

Die Überwachung beginnt häufig schon Monate vor der ?angedachten? Empfängnis, wenn der Gynäkologe zu einem gesunden Lebensstil rät. Dabei empfiehlt er in der Regel auch die Einnahme von Folsäure, was einen Neuralrohrdefekt beim Säugling verhindern soll.

Welche verunsicherte zukünftige Mutter wird sich diesem ärztlichen Rat widersetzen? Und sich am Ende Vorwürfe machen oder machen lassen, wenn ihr Kind behindert zur Welt kommen sollte?

Der Arzt ist ebenfalls nicht frei in seiner Entscheidung, da er von seinen Informanten (Facharztverbände, Pharmaindustrie, Gesundheitsbehörden) zu diesem Schritt angehalten wird. Und ganz egal, ob er die Supplementierung selbst als sinnvoll erachtet oder nicht: Kommt es zu einem Fall von Spina bifida und hat er die Einnahme des Vitamins vorher nicht empfohlen, so muss er mit Schadensersatzklagen rechnen.

Fragwürdiger Vitaminzwang

Demnach spielt es für die Folsäureverordnung keine Rolle mehr, ob die betroffene Frau tatsächlich unter einem Vitaminmangel leidet oder nicht. Hinzu kommt, dass die Präparate auch und gerade bei bestehender Schwangerschaft verschrieben werden ? obwohl sich das Neuralrohr des Embryos bereits in den ersten Lebenswochen ausbildet, also zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Schwangere noch nichts von ihrem Glück ahnen. Besonders fragwürdig ist diese Praxis deshalb, weil es bislang keine glaubwürdigen Belege gibt, wonach die Folsäuregabe in der üblichen Dosierung einen Nutzen hat (siehe ?Mangel auf Empfehlung? auf Seite 3).

Schwangere sind heute mehr denn je zum Freiwild für Geschäftsleute und Scharlatane geworden. Das ist nicht verwunderlich, denn das Geschäft mit der Angst der Frauen läuft prima ? zumal jeder weitere Ratschlag und jede weitere Untersuchung die Unsicherheit bei der Klientel verstärken.

Auch wenn Vorsorgeuntersuchungen bei echten Risikoschwangerschaften durchaus Leben retten können: Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist schon vor Einführung der Vorsorge gesunken, hauptsächlich dank verbesserter Hygiene. Und in den letzten Jahren sorgen nur die Fortschritte in der Versorgung der Frühchen für verbesserte Zahlen.

Nicht wenige Schwangere stürzt die Vorsorge in ein neues Dilemma, nämlich dann, wenn ein Befund keine Behandlungsmöglichkeit aufzeigt. Wird beispielsweise im Rahmen einer Fruchtwasserpunktion eine Behinderung festgestellt, steht die Frau vor der Entscheidung, das Kind auszutragen oder einen Abbruch vornehmen zu lassen.

Wenn sie es behält, darf sie sich eventuell ein Leben lang anhören, dass sie unvernünftig gehandelt hat. Bei einer Abtreibung bleiben ihr die Schuldgefühle. Hier offenbart sich das Dilemma einer Gesellschaft, die ein gesundes Baby für das zwangsläufige Ergebnis einer medizinisch überwachten Schwangerschaft hält.

Fehlgeburten durch Vorsorge

Dabei ist das pures Wunschdenken. Denn die ausgiebigen Kontrollen haben weder die Zahl der Fehl- noch der Frühgeburten gesenkt. Im Gegenteil: Häufige vaginale Untersuchungen können Infektionen verursachen, die als Ursache für Früh- oder Fehlgeburten bekannt sind. Eine Fruchtwasserpunktion löst in etwa einem Prozent der Fälle eine Fehlgeburt aus. Behinderungen treten ebenfalls nicht seltener auf, sie werden nur seltener toleriert. Eine beunruhigende Entwicklung in einer ach so liberalen Gesellschaft.

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