Wo sind die guten, alten Homöopathen?

Der Tod eines Mentors und homöopathischen Lehrers hatte mich vollkommen unvorbereitet getroffen. Sehr getroffen! Zu meiner unermesslichen Trauer gesellte sich überdies auch Angst und Sorge. 

Es war die Angst, nun ohne den liebevollen Beistand meines Mentors für die Homöopathie weiter wirken zu sollen.

Und die Sorge darüber, was aus der Homöopathie nun werden solle, wenn die ?guten Alten? nun alle gegangen waren und abgelöst wurden durch besserwisserische Jungspunde, deren Arroganz den Kollegen und Patienten gegenüber mich manchmal nur noch frösteln ließ. Die sich zahlreich als eigene kleine Homöopathie-Päpste ausgezeichnet hatten, dabei fortwährend neue Theorien und Regelwerke ersannen, sich an die geschwollene Brust steckten und sie als die einzig wahre proklamierten. 

Welche Chance fortzubestehen konnte das Herz der Homöopathie in Zukunft noch haben, wenn sich ihre Jünger immer weiter von ihr weg entwickelten? 

Solche und weitere Gedanken schwirrten in meinem Kopf herum, während ich mich   eines Abends mit einem guten Rotwein in mein Büro zurückzog, um der Trauer in mir  nun endlich freien Lauf zu lassen. 

War es nach dem ersten Glas Wein, oder war es später? Ich vermag es nicht mehr genau zu sagen.  Umso präziser ist meine Erinnerung an den unerwarteten Besuch in meinem kleinen Büro. Konnte das sein? War das möglich? Saß ich hier nachts  bei einem guten Tropfen mit dem Altvorderen der Homöopathie persönlich in meinem kleinen Büro und ließ mir den Kopf zurechtrücken?

Wie auch immer dies zu erklären sein mag: Am nächsten Morgen fand ich diese Aufzeichnungen auf meinem Rechner: 

26. Mai 2005

Mein liebes Mädchen, was heulst du hier herum, die zweite Nacht nun schon?

Und was meinst du, wie wohl ich mich fühle, nachdem du nun diese besagten zwei Nächte einerseits nach mir riefest,  und es dabei gleichzeitig verweigerst,  meine Gegenwärtigkeit als wahr zu nehmen?

Es ist Zeit, dich zu entscheiden. Nimmst du mich nun wahr, oder ziehst du es vor, dies nicht zu tun? Wagst du es, anzuerkennen, was du wahrnimmst? Oder weigern sich deine fleißigen Gedanken, anzuerkennen, was nach quacksalberischer Auffassung nicht wahr sein dürfte?  

Ich sage Dir, jeder wahre Homöopath befand sich einst in seinem Leben vor einer solchen oder einer ähnlichen Entscheidung, und es darf für ihn gar keine Frage sein, wie er sich in einem solchen Falle zu entscheiden hat, denn  er weiß:

Was man wahrnimmt, das IST.

Was eine Wirkung zeigt, MUSS sein.

Jede andere Interpretation ist ein Trugschluss.

Jeder Rückzug in trügerische Gefilde ist nichts als eine Feigheit.

Du warst niemals feige. Also sei nun ein aufrechtes Mädchen und begrüße den guten alten Hahnemann hier in deinem Büro. 

Ja, das mutet doch schon viel besser an, so meine ich wohl  dich zu kennen! Sieh die Dinge, die da sind, also sieh nun endlich auch wieder mich. Sieh mich, nimm mich wahr, spüre mein Wirken und schließe daraus, dass ich da sein MUSS! 

Nimm meinen gut gemeinten Gruß zu später Nachtzeit entgegen, gib mir gerne auch ein Gläschen deines guten Tropfens, und stoße mit mir an auf die wichtigen Belange des Lebens im Besonderen.  

Auf dein Wohl und auf die wahre Wissenschaft!

 

Mein liebes Mädchen, wenn man etwas in seinem Leben einmal  ganz unbedingt tun sollte, dann spürt man das sehr deutlich. Denn die Dinge, die ganz genau richtig sind im Leben, die fühlen sich schon im Vorfeld ganz besonders an.

Manche Menschen sagen, sie bekommen bei dem Gedanken daran Gänsehaut.

Nicht alle Menschen. Sehr wohl aber alle Menschen verspüren bei den ganz genau richtigen  und wichtigen Dingen ihres Lebens eine Euphorie, die ihres Gleichen sucht. Hat man diese Euphorie erst einmal gespürt, dann erkennt man sie unweigerlich immer wieder, so, wie man den Geruch des Quecksilbers immer wieder erkennt. 

Diese besondere Euphorie ist eine gekoppelte  Vorfreude. Eine Vorfreude deiner eigenen Zukunftsahnung  gekoppelt mit  der Vorfreude eher alchimistischer Genese, einer Vorfreude aus der ?anderen? Welt, wenn du es denn gerne so nennen möchtest.  Eine doppelte verkoppelte Freude sozusagen. Ich rate dir: Genieße diese Freude, sei sie nun mit Gänsehaut oder ohne. Man erlebt sie nicht sehr oft. Und es liegt ein Versprechen darin, dass dir aus anderer Ebene Unterstützung in deinem Vorhaben zuteil wird. 

Solche Dinge erledigt man dann übrigens im besten Fall sofort. Was sollen all deine Überlegungen vor deinem Terminkalender oder deinen Suppentöpfen.?

Was soll das hin und  her Verschieben einer Angelegenheit, die du deinem Gefühl nach längst als ?höchste Priorität? eingestuft hast? Behandle sie nun nicht wie einen verlausten Köter. Sondern tu, was du als richtig zu tun erkannt und beurteilt hast.

Rede mir nicht länger von all deinen Pflichten. Erfülle nun diese eine hier und langweile mich nicht länger mit deinen Bagatellbefindlichkeiten. Fang endlich an, diese unsere Begegnung ordentlich zu dokumentieren. Benutze dein klapperndes Schreibgerät mit den vorgefertigten Buchstaben aus Plastik auf die du sonst auch immer so gerne lautstark und zuweilen selbstversunken einklapperst.  Beginnen wir also. 

Du hast nach mir gerufen.

Du warst verzweifelt, mutlos und traurig. Ich habe übrigens gesehen, dass du geweint hast!  Ich gebe auch zu, dass mich deine Tränen Schachmatt setzen.  Das, äh, macht mich sozusagen unbefindlich.  Der Umgang mit den Tränen einer Frau sind nicht das, was ich zu meinen Stärken rechnen würde. Sehr wohl, ich gestehe sie dir zu, doch in unserer bevorstehenden Zusammenarbeit  würde ich doch eher eine auswegsorientierte Vorgehensweise bevorzugen. Ich bin also allzu gern behülflich deinen Stier bei den Hörnern zu packen.  

Das hast gefragt, warum die guten alten Homöopathen alle wieder gehen.

Du hast gefragt, warum sie dich allein lassen.

Du hast gefragt, was aus der Homöopathie werden soll, ohne sie. 

Nun, ich nehme an, du möchtest Antworten darauf?  Wenn du denn nun schlussendlich deine Tränen trocknen würdest und dein merkwürdiges Taschentuch aus dem sehr weißen Papier noch einmal tüchtig vollschneuzst, dann sollst du sie haben. Alle Antworten, die ich dir geben kann. Wäre das ein geeigneter Weg, dich zu trösten? 

Die guten alten Homöopathen sind gegangen. Das stimmt. Doch sie sind nicht gegangen, um dich zu ärgern. Sie sind gegangen, so wie alles Leben im großen Heimgang endet. Das ist ein Lebensgesetz, und ich erzähle dir nichts Neues, wenn ich hier noch einmal laut sage: Jeder Arzt hat sich diesem Gesetz zu beugen, ja er hat es zu respektieren! Wenn er es nicht täte, nicht könnte, dann käme er nicht zur Ruhe. Unaufhörlich würde er nach der Unsterblichkeit suchen, gänzlich ohne die geringste Aussicht, sie zu finden. Welch ein unbefriedigendes Dasein und Wirken wäre das! 

Der gute Arzt braucht also eine gehörige Portion Demut, um sich seine zu erreichenden Ziele vernünftig zu stecken. Vermessenheit würde hier nur schaden. 

Der gute Arzt bringt seinem Patienten die Gelegenheit zur Heilung. Nicht mehr und nicht weniger.  

Wenn ein guter Arzt seine Patienten aus möglicherweise todbringenden Erkrankungen wieder herausgeleiten kann, so heißt dies immer noch nicht, dass er dem Tode auch nur irgendetwas anhaben oder abringen könnte. Noch immer ist das Handeln des Arztes lediglich eine Vitalisierung alles Lebendigen.

Er arbeitet dem Leben ?zu?, nicht aber arbeitet er dem Tode ?ab?. 

Der Tod steht also für sich. 

Diesen Satz mögest du  jetzt und unverzüglich auswendig lernen. Es ist ein Schlüsselsatz. Er schützt dich unter anderem auch vor der Täuschung, dass ein Arzt selbst nicht krank werden könnte, und auch nicht seiner Erkrankung erliegen. 

Der Tod steht für sich. Der Arzt steht  im Leben. So steht er für das Leben und die Gesundheit seiner Patienten ein.  So versteht er das Leben, nicht aber den Tod. 

Am Ende des Lebens  aber steht der Tod, für sich, und in keiner Phase seines eigenen Ablebens  oder das  seiner Patienten kann hier irgendwer oder irgendetwas die Gesetze des Lebens  mehr antasten, bei aller Liebe und Willen  nicht und auch nicht mit dem größten Wissen um die Gesetze des Lebens. Das ist wie das Wildern in Nachbars Garten, es ist uneigenes Terrain. Vor allem steht ein Zaun dazwischen, der dich stets daran erinnert, wo du zuhause bist. 

Über diese Gesetze sind ganze Epen geschrieben,  ist debattiert, gestritten und gesucht worden. Diese Gesetze haben wir nicht gemacht, wir können nur mit und nach ihnen leben. Wir können sie respektieren. Das soll und muss dir nun genügen, schließlich wollen wir uns nicht gleich zu Beginn unserer Begegnung verlaufen, nicht wahr ?  Respektieren wir schließlich, dass der Tod immer nur für sich selbst steht. 

Himmelherrgott noch mal, du kannst mit deinem Geschniefe  ja die Kanonen von Waterloo zum schmelzen bringen! Putz dir endlich deine kleine und ziemlich rote Nase und konzentriere dich auf das, was ich sage. 

Schau dich an. Du jammerst: Die guten alten Homöopathen wären gegangen. Sie hätten dich allein gelassen. Wie dumm du doch bist, wie töricht!  Hier direkt vor mir sitzt eine ausgezeichnete und erfahrene Homöopathin mit einer exzellenten Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Es passt nicht ein Jota in mein Verständnis der Menschen, dass ausgerechnet DU mit einer dermaßenen Blindheit geschlagen sein kannst.  Ob das wohl daran liegt, dass du eine Frau bist? Kann es daran liegen, dass ich das Weibsbild an sich nicht so ganz verstehen kann, oder ist diese Dummheit in deiner Zeit eine globale?  

Darf ich mich vorwagen, in deine schniefende Gefühlswelt, und dich darauf aufmerksam machen, dass ich wahrhaftig nicht ?gegangen? sein kann, wenn ich doch gleichzeitig hier auf deinem Schreibtisch sitze und mit dir über Leben und Tod diskutiere. 

Und darf ich bescheidenermaßen darauf hinweisen, dass ich ein Homöopath bin, und zwar einer von , wie du es so gerne nennst, ?den guten alten!?? Ich kröne diese Aussage gerne und erinnere dich: ?Ich bin der Begründer der Homöopathie?.

Frau, worüber bitte beklagst du dich?  

Dein Gejammer ist also ein dummes. So wahr ich hier sitze, ist niemand ?gegangen?, niemand hat dich wirklich allein gelassen. Also erübrigt sich deine dritte Frage: Was wird aus der Homöopathie- wenn alle guten alten Homöopathen einfach immer gehen und dich armes Ding so ganz allein lassen.

Hu, und du glaubst, mir kämen bei diesem Gedankengang ebenfalls die Tränen? Liebes Kind, das war eine sehr schwache Argumentationsreihe, ich bin Besseres von dir gewohnt. Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn du dein so tief hängendes Köpfchen wieder ein wenig aufrichten würdest um es sodann in bewährter Weise wieder zu benutzen?  

Ja, das gefällt mir schon viel besser, das sieht viel richtiger aus. Schließlich gehört der Kopf doch eher obendrauf als unten dran.  Ist dir eigentlich selbst schon aufgefallen, dass du den Schleim in deiner Nase fortwährend hochschniefst in einer Art und Weise, wie es sonst die Schweinehirten zu tun pflegen?  

Wo waren wir stehen geblieben? Beim Alleinsein. Ha! Ich bin bei dir, seit du dein erstes Homöopathiebuch in der Hand hattest.  Das weißt du, denn du hattest schon in genau diesem Augenblick dieses alles durchdringende Gefühl von Richtigkeit und Wichtigkeit. Da war es wieder, dieses Gefühl von Euphorie, du weißt schon, diese gekoppelte Freude aus den verschiedenen Welten.  Diese Kopplung konnte entstehen , weil einerseits der Welten du da schon ahntest, dass die Homöopathie eine richtig gute und wichtige Sache in deinem Leben sein würde und anderseits der Welten ich da war und dir zu dieser Erkenntnis  einen stehenden Applaus gab! 

Ja, so war das.  Und es blieb so bis heute. Wie oft hast du mich gerufen, wenn du meintest, das eine oder andere Arzneimittelbild nicht gut genug begreifen zu können.  Wie oft haben wir beide wieder und immer wieder im Organon gewühlt, damit Madame die Regeln der Homöopathie begreifen konnte, und auf jeden Fall auch jeder ihrer Gedanken auch ?klassisch? genug sein möge ? Und diese verzweifelten Nächte auf dem Fußboden deiner ersten Praxis, die ich mit dir in konzentriertester Repertorisation verbringen durfte, in einer Zeit, als du noch dachtest, viel Mühe und viel Zeitaufwand hilft viel und so oft den Wald vor lauter Bäumen nicht hast sehen können!  

Bei allem Respekt, es wäre nicht erforderlich gewesen, mich in einer eineinhalb Quadratmeter großen Ablichtung als steinalter Greis in einem hundsteuren Rahmen gut sichtbar und inmitten deiner kleinen großstädtischen Ordination aufzuhängen, nur um dich meiner Anwesenheit zu versichern! 

Ein wenig respektlos dagegen empfand ich die Titulierung ?Sammy?. Was ist das nur für eine Namensgebung?  Gewiss, deine Kollegen tun nichts anderes. Sie beleben die Therapie eines Verstorbenen, nämlich meiner Wenigkeit, in dem sie sie durch mich selbst wieder beleben. Das ist eine durchaus gut gewählte Rezeptur, sie macht Sinn und sie wirkt. Was will ein Homöopath mehr? 

Also rufen auch sie mich gelegentlich um Hilfe. Es genügt ihnen nicht, zu fühlen, dass ich immer da bin, nein, sie halten es für erforderlich, mich ausdrücklich und ausführlich um Hilfe zu rufen. Sie rufen dann  zum Beispiel: ?Herr Hahnemann,

bitte eilen sie zur Stelle, ich benötige bei diesem Patienten hier ganz unbedingt ihre ehrenwerte Hilfe?. Oder manche, im zwischenmenschlichen Umgang eher vertraulichere Kollegen flüstern vielleicht auch: ?Samuel, bitte gib mir eine Idee für diesen ach so komplizierten Fall?.  

Aber du? Du hast einfach gerufen ?Sammy ich brauche dich auf der Stelle!?.

?Sammy? - so hat noch niemand mich genannt, und ich finde offen gestanden diese Namensverleihung ein wenig absonderlich. Vermutlich liegt es daran, dass du ohnehin dazu neigst, allen deinen Kindern und Freunden ein ?i? oder ein ?y? an das Ende ihres eigentlichen Namens zu hängen, nicht ohne diesen zuvor bis an die Grenze zur Unkenntlichkeit verstümmelt zu haben? 

Nun gut, ich kann dahinter sehr wohl  einen Hauch  der dir eigenen Form von Vertraulichkeit  und Herzlichkeit  wieder finden, und nach einigen Widerständen meinerseits habe ich mich tatsächlich an ?Sammy? gewöhnt. Ich habe mich sogar ein wenig geehrt gefühlt, als ?Sammy? dann das Passwort für deinen ersten  Atari-Computer wurde. Ich werde es nicht weitersagen, aber ich verrate dir, auch damit warst du nicht allein. Mit dem winzig kleinen Unterschied, dass niemand deiner Kollegen , auch niemand von denen, die es wagten, mich zu duzen, mich einfach ?Sammy? genannt hätte. 

Ein klein wenig unhöflich mag das gewesen sein, aber dumm keinesfalls.  Denn so konnte ich stets unter der Vielzahl der ?Herr-Hahnemann-zur-Hilfe-bitte?-Rufen, den Deinen immer sofort erkennen, und dich so doch wesentlich individueller in deinen homöopathischen Studien begleiten, als das Gros der anderen  Schüler. Kind, allein dein Tonfall war unvergleichlich! Diese Inbrunst, dieser Wille zu lernen und zu heilen in dir, die haben dich manchmal in ihm vergreifen lassen, nicht wahr? 

Nun, ich bin Homöopath, und kein Zeremonienmeister , demnach also sehr wohl imstande, die Essenz von ihrem Zierrat zu unterscheiden. Letztendlich war unsere Zusammenarbeit in den letzten 25 Jahren eine ausgesprochen  fruchtragende und effiziente. Ich gestehe, ich mag deine Geradlinigkeit und deinen Humor. Ich kann nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen, ob ich davon nicht längst einiges  selbst übernommen habe. Eine gewisse Anpassung findet schließlich immer statt.  

Als ich eben hier ankam, bin ich dir in deiner ganzen Trauer begegnet. So traurig habe ich dich wahrlich selten erlebt. Der Verlust eines geliebten Menschen bereitet immer Schmerz, ich weiß das. Es entspricht den heilenden Prinzipien eben diesen Schmerz auch anzunehmen, ihn zu leben. 

Doch sehe ich hierin keinen Grund, alles Wissen und Verstehen um die Dinge einfach so fahren zu lassen wie der alte Mann einen Furz! 

Der Verlust deines homöopathischen Lehrers ist in erster Linie der Verlust eines geliebten Menschen. Das ist Schmerz genug.  

Ich begreife deine Neigung, diesem Schmerz nun im Namen der Homöopathie nun verschiedene Namen und Deckmäntelchen zu geben, nicht! 

Wie kannst du sagen, deine Lehrer hätten dich allein gelassen, wenn du doch in Wahrheit niemals wirklich allein gewesen BIST?

Wie kannst du zu der Schlussfolgerung kommen, all ihr Wissen, und die damit für dich verbundene Sicherheit hätten sie mit ins Grab genommen, wenn doch das Wissen aber ebenfalls bei dir ist? 

Ich bin da!

Die Homöopathie ist da.

Deine Lehrer sind da.

Also bist du nicht alleingelassen. 

Mein Wissen ist da.

Und es wirkt durch dich.

Das war so, obwohl ich aus deiner Sicht ?von Anfang an tot? war. Nun haben deine Lehrer die Welten gewechselt, und nichts wird sich ändern, denn auch ihr Wissen ist da, und es wirkt durch dich. 

Also steht dir das Wissen all deiner Lehrer zur Verfügung. 

Was aus der Homöopathie wird, fragst du? Welch eine törichte Frage!!!

Es ist dumm, eine Frage zu stellen, auf die es keine Antwort geben KANN. Man kann allenfalls Sorge tragen, dass das, was kommt, gut  sein WIRD. Und dies erreicht man nicht durch albernes Gejammer, sondern durch Taten. 

Du hast mich gerufen, weil du nach einem Weg gesucht hast, die Fundamente der Homöopathie zu sichern. 

Deshalb bin ich hier und nehme Vorlieb mit einem bescheidenen Platz auf deinem unordentlichen Schreibtisch. Den brauchst du jetzt auch nicht mehr aufräumen, lass das  gerne sein. Nimm dir  lieber diese klappernde Tastatur und notiere auf, was ich zu sagen habe. 

Fundamentale Homöopathie:

Das wolltest du doch , nicht wahr? Etwas stabiles, grundlegendes in der Homöopathie erhalten. Du wolltest ihr Fundament retten. 

Ich habe dir zugehört, als du neulich herumgemeckert hast wie eine Gewitterziege. Deine Praktikantin erzählte dir, sie wisse nun, welche Musik ?Mercurius? am liebsten hört. Und anstatt ihr zu dieser neuen Erfahrung zu gratulieren, hast du sie angepfiffen. Sie solle erst einmal lernen, wie man ein 153er Symptom verwerte, bevor sie meine, die Homöopathie der Zukunft weiter zu entwickeln. Das war nicht besonders nett von dir, das weißt du.

Du hast das, was du an den jungen Homöopathen deiner Zeit beobachtest, recht arglos deiner motivierten kleinen Praktikantin allein in die Schuhe geschoben. 

Das macht dir ein wenig Angst, kann das sein?  Ich verstehe, was du meinst. Hier werden offenbar Dächer gebaut, bevor das Erdgeschoss steht. So hast du das zumindest formuliert. Also hast du deiner Praktikantin den Organon in die Hand gedrückt, mit dem guten Rat, ihn zu studieren.

Es stellt sich nur die Frage, ob deine Praktikantin darin das gleiche liest, wie du es einst getan hast. Einst konntest du mir im Organon begegnen. Ich fürchte, deiner Praktikantin gelingt das nicht in gleicher Weise wie dir. Sie ist ein Kind ihrer Zeit. Mit anderen Talenten und anderem Verständnis. Sei doch mal ehrlich, wie OFT musstest du den Organon lesen, um zu begreifen, was ich 200 Jahre zuvor paragraphengetreu festgelegt hatte. Wir sind ganz unglaublich oft die eigentlich banalsten Stellen immer wieder durchgegangen. Anfangs dachte ich, du wärest etwas träge in deiner Auffassungsgabe, doch allmählich erkannte ich, dass es weniger an dir lag, als am Alter des Organons. 

Ich habe, auch dank deiner Geschichte und deines Werdegangs gelernt, dass Botschaften immer auch transportiert werden sollten, hinein in die jeweilige aktuelle Zeit, denn nur  wenn dies gelingt, dann wird die ursprüngliche Botschaft bereichert um den jeweiligen Forscherdrang und all das Talent einer jeweiligen Zeit und Generation. Kopf hoch, Mädchen, ich habe beschlossen, dass wir genau hier ansetzen. Ich rede dir von den Fundamenten der Homöopathie und du wirst es in deinen Zeitgeist hinein transportieren und zeitgerecht übersetzen. So sind wir ein Team. So, wie es möglich ist, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein Team sind. Die Homöopathie hat sich unentwegt weiterentwickelt, dies ist eine ausgesprochen erfreuliche Feststellung meinerseits.  Ja, das ist sogar mehr, als ich zu mancher Zeit meines Lebens und Wirkens zu hoffen gewagt hatte.  

Der Umfang der Arzneimittellehren ist inzwischen ein immenser. Das Verständnis der einzelnen Arzneien so wundervoll vieldimensional! Was einzig fehlen mag, ist ein angemessenes Verständnis des einstigen Regelwerks der Homöopathie, so wie es meinerzeit entstanden war und  Grundstein und Wurzel einer revolutionären und  ungeheuer vernünftigen Heilmethodik war.  Ich finde, diese Angelegenheit ist ein Versuch wert. Lass uns den Keller unter das fertige Haus schieben, lass uns fundamental sein, ja?  

Du darfst deinen Mund jetzt gerne wieder schließen und weiteratmen.  Lass uns anfangen.

Die Homöopathie wird studiert. Ich selbst habe das so gesagt.  Was meinte ich damit? Ich meinte ganz sicher keinesfalls das, was die Menschen heutzutage unter studieren verstehen. In der Homöopathie gibt es kein Bafög und keine Semesterferien. Das ist neumodischer Kram. Ein Student im heutigen Sinne, wäre nur schwerlich in der Lage, zu vollbringen,  was mit dem Studium der Homöopathie gemeint ist.  

Als ich sagte, man müsse die Homöopathie studieren, meinte ich damit etwas anderes. Warte mal. Lass dir doch dieses Wort allein auf der Zunge zergehen. Studieren........................ Studieren............... Studieren....... wenn ich  das so sage, kannst du dann fühlen, welch eine Leidenschaft allein in diesem Worte steckt? 

Es ist ein Zusammenspiel aus einer kaum zu stillenden Neugier, aus  einem unweigerlichen inneren und gesundem Drang, den Kern, den Sinn und die Folgerichtigkeit der Dinge und der Abläufe um die Themen der Natur, der Lebensgesetze und der Heilung immer wieder anzuschauen, in der Hoffnung, nach und nach mehr von ihnen zu verstehen, und sie nach und nach im Sinne der Heilung auch anwenden zu können. Das fängt einmal an und hört niemals mehr auf.  

Auf  dieser Suche gelangt man nicht an ein Ende, man ist immer nur auf dem Weg dorthin! 

Denn wer auf die Schicksale der Menschen nur einmal wahrhaft offenen Herzens seine Aufmerksamkeit gab, der respektiert die Gesetze und Grenzen des Lebens einerseits, den fasziniert die Verlockung, hier dienend und lebenserhaltend einzuwirken fortan bis zum letzten seiner wundervollen Tage. 

Wohlwissend, am Ende seiner Träume dennoch niemals anzukommen. Und wohlwissend, dass es eine Grenze gibt, in der all unsere zusammengeklaubten Gesetze nicht mehr wirken können, weil es zwischen deinem trauten Heim und Nachbars Garten auf ewig diesen Zaun gibt. 

So ist der wahrhaft Studierende ein ewig und freier Suchender innerhalb fest stehender Grenzen und Gesetze. Er ist gründlich, er ist dauerhaft fasziniert, er benützt seinen Verstand am besten selbst.  Und in diesem Sinne ist er mutig! Aude sapere. 

Es besteht aus meiner Sicht  keine Veranlassung, jetzt schon wieder zu weinen.

Ich würde es vorziehen, wenn du nicht immer ausgerechnet immer dann , wenn ich in Fahrt bin,  mit deiner Flennerei anfangen würdest. Nimm in Gottes Namen dieses zeitgerecht sehr weiße Taschentuch aus Papier, nur um es nach der Schneuzerei dann in deinem sehr vollen Papierkorb zu entsorgen. Welch eine Verschwendung. Du versaust uns damit  gewissermaßen ein wenig den Stil. Lass uns lieber fortfahren. 

Es ist genau so: man kommt nicht an. So ist es. Und nicht anders.

Daran ist nicht schlechtes. Schlecht wäre die Illusion zu hegen, irgendwann ankommen zu KÖNNEN! Das wäre schlecht, schade und vergebliche Mühe gewesen. Ein Studium an falschem Platze. 

Der wahre Studierende wisse also bestenfalls, dass er einen klar begrenzten Raum studiert. Was bitte tut daran so weh? 

Dies zu Wissen möge nicht schmerzlich sein, sondern eine Vorraussetzung, die du jetzt bitte akzeptierst. Vernünftigerweise hättest du sie vor 25 Jahren anerkennen sollen, so wie deinen Gartenzaun. Himmel,  kann es sein, dass die Studierenden in allen Zeiten auch gleichwohl Illusionisten sind?  Das bedeutete, dass auch nach 200 Jahren ein Homöopath die gleichen schmerzlichen Erfahrungen durchzubringen hat, wie seinerzeit ich selbst?   

Hättest du freundlicherweise eines deiner sehr weißen Taschentücher aus Papier für mich übrig? 

(Pause. Schneuzen.)

 

Nun gut. Einem jeden guten Arzte seien auch einige kleine Sentimentalitäten gegönnt. Ähm, ich war gerade im Begriffe, zu erklären, dass niemand ein wahrer Homöopath sein kann, dem es an den dafür nöthigen Charakterstärken mangelt.

Denn letztendlich ist Homöopath sein, immer mehr auch eine Philosophie als weniger nur eine nachzuäffende Lehre. 

Die grundsätzlichsten Werte dieser Philosophie sind der unbedingte Drang gegen Dummheiten  und quacksalberische Trugschlüsse anzuleben und die Dynamis der Heilwerdung des menschlichen Körpers immer mehr und genauer wahrzunehmen  einerseits, und die zum tatsächlichen Heilzwecke erforderlichen Kenntnisse und Werkzeuge  im Laufe eines ganzen Daseins stets  zu vervollkommnen anderseits,   dies in einer äußerst aufmerksamen, selbstehrlichen und aufrechten Weise. 

Aufrecht und ehrlich zu seyn, aber bedeutet gleichwohl auch allzu bald, sich gegnerisch zu stellen, gegenüber  Allem, was als unrichtig gelten muss, unabhängig davon, wie laut oder wiederholt propagandistisch es in unser aller Ohren auch posaunen mag.

Und selbstehrlich seyn bedeutet, dass du zunächst einmal selbst auch glaubst, was du erfährst und gründlich überprüft hast, dass du als wahr nimmst, was du wahrnimmst. 

So weißt du dann als tatsächlicher Homöopath, dass nichts verloren seyn kann, was man nicht sieht, wenn es doch aber fortwährend Wirkung zeigt. 

So wirken sie, die guten alten Homöopathen weiterhin durch dich: 

Die Homöopathie lebt, also leben auch die alten Homöopathen! 

Und unsere nächtlichen Sitzungen sind unendlich fortzusetzen.

Auf dein Wohl, junge Frau, und auf das Wohl der einzig wahren Heilkunde!

Sammy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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