Hallo Ihr Lieben,

Ich habe dieses Posting auch in meinem Mutterforum geschrieben. Finde es aber für uns alle wichtig.

Ich habe am Wochenende ein Seminar zum Thema Aromatherapie in der Trauerarbeit besucht und obwohl ich mittlerweile sehr viel über die Trauerarbeit weiß, hat es dennoch in meinem Köpfchen geklickt.



Es war ein sehr schönes Seminar mit sehr offenen und herzlichen Menschen, die aus den verschiedensten Bereichen kamen.
Krankenschwestern, Massöre, Feuerwehrmann, Anestisistin in der Notaufnahme und mehr. Alle werden in ihrem Beruf mit Sterbebegleitung konfrontiert und begleiten natürlich auch Angehörige.



Sehr intensiv und sehr bewegend.



Was mich aber am meisten beeindruckt hat, waren die Schuppen, die mir plötzlich von den Augen fielen.

Wir definieren Trauer mehr oder weniger über den Verlust von Menschen oder Tieren, die uns sehr nahe standen.



Trauer ist aber weitaus mehr. Sie macht den Hauptanteil in uns aus, denn wir haben fälschlicherweise vergessen, dass wir weitaus mehr trauern, als wir uns das zugestehen. Das nennen wir dann traurig sein.



Was machen wir aber, wenn wir traurige Menschen um uns haben?
Wir trösten!

Und das ist der Fehler.



Ich fange mal bei Adam und Eva an:

Wenn ein Kind sein Lieblingsspielzeug verloren hat, dann ist es ein trauerndes Kind, es ist untröstlich.

Wir aber trösten (bei Jungen erwähnen wir vielleicht noch den Indianer, der keinen schmerz kennt).

Und wir versprechen vielleicht: Du bekommst einen neuen Teddy.



(Kommt Euch das bekannt vor. Viele trauernde Mütter müssen sich
anhören: sie bekommen bestimmt noch ein Kind, sie sind doch
noch jung).

Wir unterbrechen also den Trauerprozess bereits beim Kleinkind, und tun alles, damit es möglichst schnell wieder fröhlich ist, werden vielleicht sogar wütend, wenn das Kind sich nicht trösten lassen will.

Irgend wann begreift dann das KInd, das Trauer, in welcher Form auch immer, nicht erwünscht ist und beginnt, die Trauer zu unterdrücken.

Was aber macht unterdrückte Trauer?

Sie verwandelt sich in Wut, gegen alles und jeden.



Was machen unterdrückte Gefühle noch?

Sie bilden einen Gefühlsstau und überlagern unsere anderen empfindungen, sie machen uns gefühlstot (im schlimmsten Falle).

Als Erwachsene haben wir trauern längst verlernt, kämpfen mit Wutanfällen und Erschöpfung und versuchen, die vermeintliche Leere mit anderen Dingen zu kompensieren.



Wir gehen trauernden Menschen aus dem Weg, weil wir mit ihrer Trauer genauso wenig umgehen können, wie mit unserer eigenen.



Wir wissen nicht mehr viel über die Trauer, und haben längst vergessen, dass wir auch über beendete Lebensabschnitte trauern, was wir aber als Wut oder Angst empfinden.



Wir werden psychosomatisch oder bekommen organische Störungen,
und weil das alles schon so lange schwelt, kommt keiner mehr
darauf, wann es begonnen hat.


Ich weiß aus unsere Arbeit, aus den Trauerseminaren, wie sich Trauer verhält und was sie anrichten kann, wenn sie falsch prozessiert wird.



Aber dieses Ausmass war mir nicht bewusst, und das wollte ich Euch mitteilen.

Trauer kennt viele Facetten.
Vom Verlust eines geliebten Schmuckstückes bis hin zum Verlust von uns nahestehenden Menschen bis hin zum Verlust eines Kindes.



Sie ist unterschiedlich stark und präsent.



Aber das Grundgefühl ist die Trauer.



Diese in dieser Gesellschaft so ausgeschlossene Trauer, verwandelt in Wut, richtet großen Schaden an.



Sie macht uns unversönlich, kritikunfähig und nachtragend.



Könnten wir offen trauern um den Verrat einer Freundin, wir könnten viel schneller vergeben, und dann reden.



Trauer hilft uns, Dinge zu verarbeiten, die uns zugestossen sind, oder eigene Entscheidungen, die weh tun, mit uns ins Reine zu bringen. Sie ist eine wunderbare Gefühlskomposition, die, wenn sie richtig verstanden ist, ganz feierlich und heilsam sein kann.



Die wohl stärkste Trauer ist die, die wir empfinden, wenn wir ein Kind verloren haben. Die Trauer, die wir fühlen, wenn ein geliebter Mensch gegangen ist, steht dem sehr nahe. Hier ist ganz besondere Begleitung und Unterstützung von Nöten. Aber ganz gewiss kann das nicht in Form von Trost geschehen, denn diese Trauernden sind untröstlich.



Wir haben gestern mit einigen Ölen gearbeitet.



Ganz oben stand die Rose, denn sie öffnet und sie unterstützt den Prozess des Loslassens.



Ich war erstaunt über den Majoran. Er gibt Kraft und unterstützt die Widerstandskraft eines Trauernden Menschen. Er begleitet ihn durch die härtesten Phasen der Trauerarbeit, denn viele Menschen glauben fast, sie würden verrückt werden, und wissen dennoch oftmals nicht, dass diese große Verzweifelung, der nicht funktionieren wollende Kopf und das Herzweh und auch Wut und arge Stimmungsschwankungen Bestandteile der Trauer sind.



Trauernde kann man am besten unterstützen, indem man zuhört, nicht redet und erdet. Massagen, Spaziergänge, die Hand einfach  halten.



Jeder Trost verunreinigt die Trauerarbeit eines Menschen, denn er bringt den Fluss zum stocken.

Ich finde, dass dieses posting hier ins Mutterforum gehört, weil wir alle unsere Kinder ins Leben begleiten und dazu gehört auch der Umgang mit ihren kleinen Trauerfällen.



Viele liebe Grüße
Heike

Heike am 5.12.2005