"Kinder wollen Überraschungseier sein"

So viele Aufstellungen, so viele Kinderseelen, denen wir  zuhören durften. Für mich eine bessere Ausbildung, als jede Schulung, jede Fortbildung, die ich jemals hätte machen können.

Kinder wollen nicht unsere volle Aufmerksamkeit. Sie wollen in erster Linie, dass wir sie in unser Leben integrieren.  Wohlgemerkt: integrieren, willkommen heißen, lieben, aber nicht dafür verantwortlich machen, ob wir glücklich oder unglücklich sind. Diese Verantwortung wollen und können sie nicht tragen.

Die Seelchen haben Angst davor, dass wir sie verantwortlich machen. Dafür, dass sie nicht kommen, dafür dass sie wieder gehen, dafür, dass sie geboren wurden. Klingt dramatisch.

So meine ich es aber nicht. Denn die Idee, dieses Posting zu schreiben, hat eher einen erheiternden Hintergrund:

Meine Tochter (nach 11 Jahren Kinderwunsch!) endlich bei mir gelandet, jetzt schon fast 5 Jahre alt, geht ihre eigenen eher unkonventionellen Wege.

Also nun die Story: Wir schleifen gerade Parkett. Ein Heidenlärm, sag ich Euch und Ihr würdet Euch kaputt lachen über meinen Anblick: Hörschutz auf den Kopf, Schleifstaub

auf den Haaren und auf dem Schreibtisch. Das Klappern der Tastatur höre ich gar nicht, denn trotz Hörschutz ist die Schleifmaschine lauter.

Dieser Lärm störte auch Anna, die mit ihren fast 5 Jahren eine Idee hatte:

"Mama, ich habe eine gute De"

Gesagt getan.

Kakaopulle, Schlafi an, ab nach oben in ihr Zimmer, und Video gucken.

Toll, dann kann Mama Heike mithelfen und wir brauchen die Schei.... teure Maschine vielleicht doch nur einen Tag.

Ich am Schleifen, mein Mann am Schleifen. Viel Lärm, viel Staub, viel Arbeit und es ist ja auch schon so spät. Ausnahmezustand. 

Mögliche Lösung: man, mach doch mal alleine, oder hör besser gleich auf!

Mann: Ich muss das aber fertig kriegen.

Frau: Die Kinder müssen aber schlafen und das bei dem Heidenlärm. Das ist ja nicht zum Aushalten!

Mann: Aber Du wolltest das doch endlich erledigt haben.

Frau: Aber doch nicht mitten in der Nacht.

Mann: Ja wann denn sonst??? Oder soll ich die Parkettschleifmaschine gleich kaufen statt mieten, damit ich hier die Arbeit erledigen kann, wenn es Euch genehm ist???

Frau: Du hättest ja besser planen können.

Mann: Holz schleift sich nun mal nicht in 5 Minuten?..

und so weiter, und so weiter, und so weiter. 

Haben wir aber nicht so gemacht. Haben wir früher so gemacht.

Heute sah es so aus: Also, Kopf runter und durch. Wenn Anna kommt, dann kommt sie halt und dann finden wir heraus, was wir als nächstes machen. Anna kam aber nicht, obwohl sie unsere Nähe IMMER sucht, auch wenn sie einschlafen will. Das tut sie am liebsten in unserer Nähe.

Aber sie kam nicht. Und wir haben Parkett geschliffen. Dann, um 22 Uhr, das Schleifpapier musste gewechselt werden, bei beiden Maschinen und außerdem musste ich mal ähem, austreten,sehe ich meine süße Kleine im Flur auf ihrem heiß geliebten Ikea-Kuschel-Tiger - schlafend.

Also, nach wie vor, Nähe zu uns, aber im Wohnzimmer war ihr das offensichtlich zu laut, also dann eben der Tiger, auf dem Flur. Als mein Mann sie dann auf seine Arme nahm, um sie in ihr Bett zu tragen, kam nur ein: Oooohhh, bin müde.

Seelig und süss schläft sie. Ganz in unserer Liebe aber überhaupt nicht unser Mittelpunkt.

Wie soll ich es noch beschreiben. Etwas beschreiben, was so schwer zu erklären ist, was man erfühlen muss. Ich mach einfach weiter:

Ich war einmal Stellvertreterin für eine Kinderseele, die noch nicht geboren war.Diese kleine Seele versteckte sich vor seinen Eltern, wollte auf keinen Fall Mittelpunkt der  Aufmerksamkeit sein, wollte, dass die Eltern wieder leben, lieben, ihren Hobbys nachgehen,

denn diese kleine Seele wollte auf jeden Fall nicht das Ende des Lebens ihrer Eltern sein.

Denn, und das ist jetzt schwer zu schreiben,  wenn diese kleine Seele das ultimative Glück seiner Eltern  sein würde, dann müssten die nie wieder ambivalent sein,  dann müssten die nie wieder lernen müssen, sich auseinandersetzen müssen, dann müssten sie eigentlich nichts mehr lernen und wozu sollten sie dann noch leben, wenn nicht um zu lernen.

Das hat dieser Kinderseele so eine Angst gemacht, dass sie sich versteckt hat und auf den Zeitpunkt warten will, an dem ihre Eltern wieder sie selbst sind, nicht definiert durch dieses

Kind, sondern durch sich selbst.

Diese kleine Seele wollte keine Regeln. Sie hatte Angst vor einem eigenen Kinderzimmer,

sie hatte Angst davor, das die Mama sie fallen lassen würde, weil ihre Arme so schwach waren.

Was für ein Bild: schwache Arme.

Ich bin sicher, dass die Arme dieser Frau stark waren, aber das Kind hat in ihnen nicht die Kraft gesehen, es zu halten. So zu halten, wie ein Kind das möchte. Ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst, sondern Arme, die es aus Selbstverständlichkeit halten. Einfach so, weil es

sich so gut anfühlt und nebenbei erledigen diese Arme und Hände so allerlei. So viel, und so sehr in der Nähe der kleinen Seele.

So sehr hat dieses Kind die schwachen Arme gefürchtet. Ich habe lange darüber nachgedacht, was es mit diesen schwachen Armen auf sich hat. Ich bin bis heute nicht drauf gekommen.

Wären wir als Eltern also perfekt, würden wir nie wieder hadern und würden wir nie wieder zweifeln und immer nur in Frieden sein, dann wären wir Jesus und Gandhi in einer Person und solche Eltern wollen sie nicht, diese kleinen Seelen.

Sie wollen das ultimative Leben, mit allen Facetten. Die "unanständige" unkonventionelle Zigeunerfrau, die Kräuterhexe und nebenbei vielgerühmte Werbefachfrau, die Hausfrau, die sich auf ihrem Weg zur Selbstverwirklichung die Haare rauft. Die ungnädige Ehefrau, der bastelnde Vater.

Die Träumerin, der Träumer, die Sportlerin, das Autoass, die Erfinderin, die Tierhüterin, der Arzt, die Heilpraktikerin, das Genie, der Hausmann, die Lesbierin, der Astrologe, die Sanftmütige, der Draufgänger

DAS LEBEN eben.

Mit oder ohne Musik

mit oder ohne Kunst

mit oder ohne Ernährungsanspruch.

Hauptsache, die Kinderseele wird nicht zum Forschungsobjekt oder zum allerletzten Mittel, diese Ansprüche durchsetzen zu wollen, wenn man sie schon nicht im eigenen Leben durchgesetzt bekommt.

Alles, was wir bei unseren Kindern ganz BESONDERS gut machen

wollen, lässt sie die Flucht ergreifen. Bloss weg hier.

Und so ist diese kleine Seele auf der Suche nach dem  Schlupfloch gewesen. Hier irgendwo muss es doch sein. Das kleine Schlupfloch, durch dass ich komme und dann bin ich

ein Überraschungsei.

Wenn Mama ohne mich glücklich sein kann, und wenn Mama mit mir glücklich sein kann, ohne aus mir ein erneutes Leistungsprojekt zu machen, dann kann Mama doch nur richtig sein.

Also wäre doch der ideale Zeitpunkt für mich auf diese Erde zu kommen:

Mama und Papa sind glücklich. Auch ohne mich. Und sie haben sich lieb und wenn sie sich besonders lieb haben, dann mache ich mich auf den Weg. Und dieser Weg mag manchmal seltsam anmuten, so ganz über Umwege, aber es ist dann halt meine Weg, denn schließlich bin ich ein Überraschungsei. 

Verzeiht mir den langen Exkurs. Aber kürzer ging es jetzt nicht.

Euch allen eine gute Nacht und möglichst wenig Aufmerksamkeit,

 

Heike, 8.10.2003