Meine Geschichte

Ich war 22 Jahre jung und voller Ideale, als ich mein erstes Kind Mitte der achtziger Jahre erwartete. Ich gehörte zu der Generation Mütter, die Jean Liedloff?s Buch ?auf der Suche nach dem verlorenen Glück? gelesen hatten, der Kinderwagen war verpönt, das Tragetuch hatte den Höhepunkt seiner Karriere erreicht und eines war klar: unsere Kinder würden uns begleiten, wo immer wir auch hingehen würden. Das Kind gehörte integriert in alle Abschnitte unseres Lebens, sei das die nächste Party, die Uni oder eine Indienreise. Bewusstseinserweiterung war das Schlagwort dieser Zeit.

Die Geburt sollte persönlich und intim sein, in Geborgenheit und Würde. Möglichst eine Wassergeburt. Das erschien uns doch die sanfteste Form, die neuen Erdenbürger zu begrüssen. Die Geburtshäuser entstanden und immer mehr Frauen beschäftigten sich wieder mit der Alternative: Hausgeburt. Es herrschte Aufbruchsstimmung. Kein Kind sollte mehr weinen, jedes Kind sollte in der Geborgenheit des Urvertrauens aufwachsen.

Ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, viel über die neuesten Erkenntnisse zum Thema Entbindung gelesen. Ich war bestens vorbereitet. Ich habe im Geburtshaus entbunden. In meiner Tasche befand sich ein Tragetuch. Mein Mann und zwei gute Freundinnen begleiteten mich. Ich hatte eine wunderbare Hebamme. Und ich war vollkommen davon überzeugt, dass ich stillen würde.

Ich hatte feste Vorstellungen und eine sehr idealisierte Sichtweise, was meine Schwangerschaft, die Geburt und die Zeit danach betraf.

Um so härter traf mich die Realität.

Ich wachte morgens um 6 Uhr durch die ersten Wehen auf. Es fühlte sich gut an, und ich hatte sie schon sehnlichst erwartet, war ich doch bereits 11 Tage über den Termin. Um 9 Uhr rief ich meine Hebamme an. Wir verabredeten, dass ich um 13:00 Uhr im Geburtshaus eintreffen solle. Anschließend verständigte ich meine Freundinnen und mein Mann trug die Sachen ins Auto, die wir mitnehmen wollten. Eigene Bettwäsche, Kleidung für das Baby und mich.

Ich ging dann zum Bäcker. Für unser Frühstück einkaufen und als ich zurück kehrte, war der Tisch bereits gedeckt, meine Freundinnen waren auch schon da. Es war ein ruhiger Vormittag, gemischt mit Vorfreude und einem Gefühl höchster Neugierde meinerseits, aber auch einer eigentümlichen Unglaublichkeit, was heute oder aber spätestens morgen Gewissheit sein würde: Mein Kind in den Armen halten.

Als wir wie verabredet im Geburtshaus eintrafen, erwartete mich meine Hebamme bereits. Eine erste Untersuchung ergab: Muttermund 3 cm auf. Wehentätigkeit noch absolut erträglich und trotzdem gut für die erste Geburt.

Wir gingen Essen. In Berlin-Charlottenburg gab es an jeder Ecke Restaurants und außerdem hatte ich wirklich Hunger. Zum Essen kam ich aber nicht mehr.

Mehr schlecht als recht kam ich wieder im Geburtshaus an und die Wehen kamen immer heftiger in immer kürzeren Abständen. Die Stunden gingen dahin und mit ihnen auch meine Kraft. Die gewünschte Badewanne bereitete mir größtes Unbehagen, und ich verließ sie recht bald, ich wollte lieber im Bett liegen. Das körperliche Geschehen übernahm immer mehr die Oberhand und ich fühlte mich ihm zunehmend ausgeliefert. Kurz bevor die Presswehen einsetzten, war ich vollkommen erschöpft und in einem Zustand relativer Hoffnungslosigkeit. Ich konnte nicht fassen, was da mit mir passierte und bekam Angst um mein Kind.

Davon hatte ich nirgends gelesen. Darauf war ich nicht vorbereitet.

Am Ende mit meinen Kräften übergab ich mich meinem Schicksal, ich machte mechanisch nach, was die Hebamme mir vorgab und wie durch ein Wunder wurde um 22:00 Uhr mein Sohn geboren und mir sofort auf den Bauch gelegt. Ich habe ihn zunächst nicht wahr genommen. Um mich herum war eine Glocke aus Watte und Dumpfheit. Ich war damit beschäftigt, wieder ein Gefühl zu mir selbst aufzubauen, als meine Hände wie von fremder Hand gelenkt, zu dem Baby wanderten. Ich fasste es das erste mal an und ich hatte noch nie in meinem Leben so etwas weiches und sanftes berührt. Die Tränen rollten, teils ausgelöst durch den soeben erlittenen Schock, teils durch die Erleichterung, dass wir beide am Leben waren und teils, weil ich mich so schuldig fühlte, dass ich mich nicht wirklich als Mutter fühlte. Das Kind auf meinem Bauch war mir fremd, und trotzdem durchströmte mich ein Gefühl der Liebe, wie ich es niemals zuvor empfunden hatte. Ich bekam fast Angst vor dieser Liebe. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich so eine Liebe mein Leben lang aushalten solle ? und doch gleichzeitig so fremd war mit diesem Kind.

In dem Moment hob mein Sohn seinen Kopf an. Es erinnerte mich ein wenig an einen süsse kleine Schildkröte. Er sah mich mit einem sehr intensiven Blick an. Danach wanderte sein Blick zu seinem Vater, der direkt hinter mir sass. Mitten im Fruchtwasser und all dem Blut. Ich hatte auf seinem Schoss entbunden und er umfasste mich mit seinen Armen. Wir werden diesen Blick beide niemals vergessen. Eine Seele schaute durch die Augen meines Sohnes direkt in unser Herz.


An diesem Abend hatte ich noch die Gnade der ausgeschütteten Hormone, die mir in ihrem Nachhall ein Gefühl der Stärke vermittelten. Ich konnte aufstehen, duschen, laufen. Ich konnte mich anziehen und das Baby versorgen. Ich konnte mich verabschieden und die Treppe hinunterlaufen. Ich konnte im Auto immer und immer wieder mein Baby bestaunen und diesen riesengroßen Vollmond bewundern. Ich konnte die Treppen zu unserer Wohnung hinaufsteigen, mein Baby in seine Wiege direkt neben meinem Bett legen und telefonieren. Und ich konnte mit Sekt anstoßen. Alles rührte rosarot an. Und perfekt.

Aber ich spürte die ganze Zeit die Watte und das dumpfe Gefühl um mich herum. Ich war nicht wirklich vollständig da. Ein Teil von mir war im Schock und ein anderer kleiner Teil in heller Panik. Und irgendwann fiel ich einfach um. Und kurz bevor eine kurze Ohnmacht einsetzte dachte ich noch: Wie haben die Frauen das früher auf den Feldern überlebt?

Als ich erwachte, beugte sich mein Mann besorgt über mich. Er brachte mich ins Bett und ich lag dort, die ganze Nacht wach, auf die Geräusche meines Kindes lauschend, jedoch außerstande, es zu mir ins Bett zu holen. Etwas, was ich mir bis heute nur mit Mühe verzeihen kann.

Ich war froh, als mein völlig erschöpfter Mann am nächsten morgen erwachte und diesen kleinen Kerl aus seiner Wiege hob. ?Ab an Mamas Brust? sagte er und legte ihn schwupps zu mir ins Bett, hob mein Hemdchen an und half dem Baby, seinen kleinen Mund in Richtung Brustwarze zu schieben. Und der kleine Kerl saugte tatsächlich kräftig los, zufrieden und voller Elan. Und ich fühlte mich hilflos. Wie ausgeliefert. Wenn ich heute dieses in diesem Moment entstandene Photo betrachte, sehe ich das Flehen nach Hilfe in meinen Augen.

Den Rest dieser ersten Woche erinnere ich schemenhaft. Es stellte sich eine Brustendzündung ein, ich bekam Fieber und Schüttelfrost, immer wieder kehrende Weinkrämpfe und eine schmerzliche Sehnsucht nach meiner Mutter. Ich vermisste sie so sehr, wie nie zuvor in meinem Leben. Und ich baute Schuldgefühle diesem kleinen Wesen gegenüber auf, denn tief in mir fühlte ich: DAS ist so nicht richtig.

Die Hebamme, die meine Nachbetreuung übernommen hatte, erinnere ich als ewig lächelnde Frau, die die Weisheiten der achtziger Jahre herunter betete und die nichts für mich tun konnte. Außer mir ein Gefühl der Unzulänglichkeit zu vermitteln. Sie war so abgeklärt und freakig, wie ich es wohl nie sein würde.

Das Gefühl der Fremdheit zu meinem Kind blieb bestehen. Meine Schuldgefühle, meine Einsamkeit und ein hoffnungsloses Gefühl wurden stärker statt schwächer und gleichzeitig war da diese Liebe, die, so stark sie auch war, nicht wirklich in die richtigen Kanäle floss.

Als mein Sohn 2 Wochen alt war, entwickelte er sich zum Schreikind. Heute glaube ich, dass er all meine Ängste und all meine Qual zum Ausdruck brachte. Er fand in mir keinen Halt und sein Schreien löste zusätzlich in mir die Angst davor aus, mit ihm klar kommen zu müssen, mit ihm weiter leben zu müssen. So dramatisch das auch klingen mag, so war es doch trotzdem so.

Ich begann, vor ihm weg zu laufen. Wann immer ich konnte, entzog ich mich ihm, immer mit großen Schuldgefühlen, war ich mir dessen doch sehr bewusst.

Dieser Zustand hielt an, bis er 6 Jahre alt war.

Zu dieser Zeit verband mich bereits eine innige Freundschaft mit Birgit Zart und unsere gemeinsamen Aktivitäten drehten sich in stillem Einvernehmen um die Belange von Frauen, Müttern und Kinderwunschmüttern. Damals entstand eine Gruppe von Frauen, die sich aus Kinderwunschfrauen, Therapeutinnen und Müttern zusammensetzte. Wir trafen uns über viele viele Monate einmal die Woche und arbeiteten an unseren Emotionen entlang. Ganz feste Bestandteile dieser Arbeit bildeten die Fruchtbarkeitsmassage, die Birgit Zart aus England mitgebracht hatte und die Emotionalkörpertherapie (EKT) von Anne Söller und Dorothea von Stumpfeldt. Die EKT hat mir das Leben als Mutter gerettet. In vielen Sitzungen konnte ich meine eigenen Erlebnisse als Baby und Kind heilen und in dieser Heilung auch die Blockaden meines eigenen Mutter-Daseins auflösen. Es war für mich wie der Beginn eines neuen Lebens. Diese Gruppe von Frauen hat mich mit ihrer Liebe und ihrer vollkommen fehlenden Bewertung meiner Geschichte aus dem tiefsten Loch emporgehoben. Und sie hat mir meinen größten Wunsch ermöglicht: Nochmals Mutter zu werden. Ich hatte keine Angst mehr, dass ich nochmals versagen könnte. Ich begann zu begreifen, dass all die Ängste meinem Kind gegenüber eine Art Kopie der Ängste meiner Mutter mir selbst gegenüber gewesen waren. Und ihn mir wuchs ganz allmählich der Wunsch, Frauen, die ähnlich wie ich gelitten hatten oder noch leiden, den Weg aus diesem Tal zu zeigen.

Noch etwas hatte ich begriffen: Der Schlüssel zum Glück eines Menschen liegt in seiner ungestörten Anbindung an die Mutter. Und diese Anbindung können wir, wann immer wir wollen und dafür bereit sind, reparieren ? sofern es einer Reparatur bedarf.


Liebe Grüße


Heike, 15.2.2007