"Wenn es wehtut, meine Kinder zu lieben, dann wünschte ich, es gäbe noch ein rotes Zelt der Frauen, das mich mit all seiner Weisheit wieder auffängt"

 

Ihr Lieben, 

ich bin seit 22 Jahren Mutter. Und ich habe es auch erlebt, wie mein Sohn, der älteste von den dreien, plötzlich kein Kind mehr war. 

Das war aufregend und auch schön zu erleben, aber ich konnte so die eine oder andere Aufgabe dann auch getrost meinem Mann überlassen. Der kennt sich damit definitiv besser aus!!!  

Nun habe ich noch zwei Mädels und das eine Mädel "entwickelt sich".  

Es geht seicht los,  sie beschreibt es so: Mama, seit ein eineinhalb Wochen bekomme ich

immer so komische Bauchschmerzen, die sind wirklich komisch. 

Und ich dachte zunächst: klar, hier haben alle eine Infekt, alle haben so dies oder das. 

ABER: Heute musste ich sie aus der Schule abholen und sie erklärte mir: Diese Bauchschmerzen sind aber anders. 

Da schwante es mir.

 

Ich habe im Mutterforum immer schon gute Tipps gegeben, wenn es "so weit war". Hielt mich für überschlau, und nun erlebe ich etwas ganz anderes: 

Ich bin absolut unzurechnungsfähig.

Ich habe Lampenfieber.

Der Satz an meinen Mann: Rede mit Ihm! kam heute zurück: 

"Rede mit ihr, bereite sie darauf vor". 

Und ich habe sie gefühlt: Alle meine Worte, all meine Erklärungen helfen ihr nicht.

 Sie wird einfach meine Nähe brauchen. 

Sie braucht einfach auch das "Rote Zelt der Frauen". 

Denn ich kann all ihre Fragen nicht mal eben so beantworten. 

Ich kann noch nicht mal eine davon beantworten. 

In den letzten Stunden brechen darüber hinaus meine eigenen alten Verletzungen auf, meine eigenen alten Momente, als aus mir plötzlich Blut floss.

Ich habe begriffen, dass ich diesen "Job" für den Rest meines Lebens haben würde. 

Ich fühlte meine Wut, meine Einsamkeit damit. 

Ich habe es zugelassen.

Habe das alles noch mal erlebt. 

Und nun kommt ein wenig Erleichterung. 

Wenn ich ihr die Wut lasse, wenn ich es zulasse, dass sie eine Woche tobt, wenn ich ihr signalisiere, dass ich da bin,  dann schaffen wir das bestimmt - oder? 

Ich würde den Körper meiner Tochter am liebsten frei sprechen: 

"Du musst keine Kinder kriegen, du musst nicht erwachsen werden, du  musst das alles nicht, du darfst tun und lassen, was du willst". 

 

Ich weiß aber: Ihr Körper will meinen Freispruch nicht, er will all das.

Meine Tochter? Soll aushalten, was ich aushalten musste?

Mein Kind? So habe ich heute Nachmittag heimliche Tränen vergossen.

 

Der Schmerz, dass sie über ihre eigene Verletzlichkeit so stark sein muss, den muss ich erst mal verkraften. 

Ich wünsche ihr das.

Ich liebe ihre Kinder schon jetzt.

Ich liebe sie auch, wenn sie keine Kinder will.

 

Aber ich lerne gerade: Mutter sein ist so hart, das kann doch so ein zartes Geschöpf gar nicht schaffen. 

Und dann kommen all die Gedanken: So war das schon immer.

Und ich ehre das auch. 

Ohne das schon immer hätte es mich nie gegeben.

Ich lebe aber gerne.

 

Aber ich bin eine Oberglucke. Möchte nicht, dass meine Tochter und danach ihre Schwester das auch durch machen.  

Lieber soll mein Sohn Vater werden, denn... 

Ja was denn? 

Dann lade ich einer Tochter, einer Schwiegertochter diese schwere Aufgabe in ihren Rucksack.

 

Ihr merkt, meine Gedanken schwirren um mich herum. 

Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, so dass ich meiner Tochter diese bürde am liebsten ersparen würde. 

Das ist natürlich quatsch. 

Sie könnte ja gar nicht glücklich werden, hätte sie nicht die Wahl. 

Aber ich wusste nicht, dass ich da so labil sein würde. 

Ich möchte sie schützen, und gleichzeitig weiß ich, dass ich ihr schaden würde, würde ich sie davon fern halten.  

Und ich begreife,  so langsam, nachdem ich all das geschrieben habe,  dass ich meinen eigenen Schmerz da gerade spüren kann. 

Er kommt hoch, und ich fühle auch, das es gut so ist. 

 

Meine Wut ist nur ein Teil ihrer Wut.

 

Ach, ich hätt so gern einen Kreis von Frauen um mich herum, die mich einfach nur auffangen.

 

Gute Nacht Ihr Lieben 

Heike, 16.6.2009

 

 

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