"Ich wünschte, die Wahl des geburtsortes wäre nicht so mit Angst besetzt. Das verdirbt unsere Instinkte"

Liebe Dani, 

ich habe mein erstes Kind im Geburtshaus entbunden, auch dort gab es Rufbereitschaft für Gynäkologen und Kinderärzte, die Klinik war 300 m weiter.
Unterhalb der Geburt habe ich mir irgendwann keine Gedanken mehr über all diese Fragen gemacht, ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, es war meine erste Erfahrung mit dem Gebären und ich fühlte mich am Ende sehr überwältigt von diesem Ereignis.

Damals (vor 20 Jahren) galt noch die Routine: Kind gleich nach der Geburt
anlegen. Ich habe das als sehr unangenehm empfunden, ich denke, mein Sohn auch.
Ich glaube heute, dass die Geburt in einem Krankenhaus anders verlaufen wäre. Die Hebammen im Geburtshaus haben mir und meinem Mann viel Zeit gelassen, stets Mut zugesprochen und den guten Fortschritt der Geburt immer wieder betont. Auch in Zeiten, in denen mich der Mut verlassen wollte, waren sie kompetent und hilfreich an meiner Seite, konnten auch schon mal energisch werden, wenn ich mich dem  Ganzen etwas entziehen wollte.
Ich hatte trotz des eigentlich schönen Verlaufs ohne Komplikationen starke Probleme im Wochenbett, Fieber, depressive Stimmungen und ein großes Einsamkeitsgefühl.
Ich habe meine Mutter plötzlich sehr vermisst, fast als würde mit dem Mutter werden auch noch mal eine eigene Reflektion zum Mutter-Tochter Verhältnis in mir ablaufen.
Ich habe dieses Gefühl zu eigenen Mutter, wann immer ich das anderen Frauen
erzählt habe, von etlichen Frauen bestätigt bekommen. Gerade nach der ersten Geburt ist eine Frau sehr verletzlich.
Genau da konnte mir meine Hebamme nicht mehr weiter helfen. Sie kümmerte sich um das Baby, um meinen Wochenfluss, um das Stillen, aber mit meinen Tränen war sie überfordert.

Es gibt erstaunlich viele Hebammen, die selbst keine Kinder haben. Ich glaube aber, dass das für die Betreuung einer Wöchnerin wichtig ist, eigene
Erfahrungen zu haben. Doulas beispielsweise werden nur ausgebildet, wenn sie selbst bereits Kinder haben. In gewisser Weise ist das vernünftig. Ich möchte Dir deshalb empfehlen, Dich auch hierzu zu informieren. Vielleicht ist das eine gute Ergänzung zur Hebamme.
Meine beiden nächsten Kinder habe ich in einer anthroposophischen Klinik entbunden. Das Konzept der Geburtsabteilung gleicht dem der Geburtshäuser. Man sieht einem Kreissaal nicht an, dass er einer ist. Bereits im Aufnahmegespräch wurden meine Wünsche abgefragt und in meiner Akte notiert. Und das klappte ziemlich gut, als ich kam, wussten die anwesenden Hebammen auf wunderliche Weise, was ich wollte.
Ich hatte beispielsweise nach der ersten Geburtserfahrung ziemlichen Respekt vor dem Kraftaufwand und den Schmerzen unterhalb der Presswehen und rief ca. 4  Wochen vor dem ET im Krankenhaus an: "Hörn Sie, ich bin erkältet, so kann man nicht entbinden, ich will auf jeden Fall eine PDA!!!!!!!!!!"
Und siehe da, kaum war ich mit Wehen aufgekreuzt fragte man mich schon, ob
man die PDA legen solle. Ich wollte aber nicht, und ließ mir noch Zeit, und ganz geschickt vermittelten mir die Hebammen das Gefühl, ich könne jederzeit tun und lassen was ich wolle. So ging ich also noch spazieren, was die PDA dann überflüssig machte :-)))
Diese zweite Erfahrung hat mir sehr viel Heilung gebracht. Dachte ich beim ersten Mal noch, ich könne die Geburt vorbereiten und planen, ließ ich mich beim zweiten Mal darauf ein, dass sowieso alles ganz anders kommt. Ich ließ es einfach laufen und merkte auch, dass ich auf gar keinen Fall in eine Badewanne wollte.

Als meine Tochter dann auf meinem Bauch lag und ich spüren konnte, dass die
gefürchtete Überwältigung nicht mehr in mir hochkroch, weinte ich vor Erleichterung. Ich glaube, dass war die Heilung.
Im Nachhinein hätte ich alle drei Kinder zuhause bekommen können,
aber das wäre nicht mein Weg gewesen. Ich brauchte auch Sicherheit, und ich
hatte das Glück, dass sowohl das GH als auch das KH sehr gute Betreuung und
liebevollen Umgang baten. 

Liebe Grüße,

Heike, 25.9.2008