"Mütter wollen immer perfekter werden"

Muttererschöpfung - Mama auf Urlaub

Ihr Lieben,

Mütter wollen immer perfekter werden und das nicht nur, weil sie selbst diesen
Anspruch in sich tragen, sondern weil er auch an sie herangetragen wird.

Und wir Mütter hier in diesen Foren sind da sicherlich noch anfälliger für, denn die meisten Mütter kommen aus dem Kreis der Sternenkindermütter und der Kinderwunschmütter. Da steht dann das Glück über die gesunden Kinder an erster Stelle und viele verlangen das auch von sich: Glücklich zu sein.

Hätten wir nicht so viele Idealvorstellungen von der Mutterschaft, wäre das vielleicht sogar auch einfacher.

In meiner über zwanzigjährigen Karriere als Mutter ist mir im Laufe der Jahre eine Veränderung aufgefallen. Müttern wird immer mehr mit auf den Weg gegeben. Von der Kinderärzten, von Erziehern, von Lehrern, von der Pisastudie, von den Impfkampagnen, von den Zahnärzten.

Sie haben es mit immer mehr Erkrankungen der Kinder zu tun: ADS, ADHS, Allergien, Schul-Burnout, Zukunftsängsten. Immer mehr Kinder stehen unter Dauermedikation, die Liste der Vorsorgeuntersuchungen wird ebenfalls immer länger.

Gleichzeitig stehen immer mehr Termine im Kalender: Klavierunterricht, musikalische Früherziehung, Logopädie, IQ-Tests, Reitunterricht, Nachhilfe, Lehrergespräche, Entwicklungsgespräche mit den Erzieherinnen u. v. m.


Aber es geht auch schon in der Schwangerschaft los. Nachdem den Müttern zunächst herzlich gratuliert wird legen die Hochglanzbroschüren auch schon los: Was dürfen Schwangere, was dürfen sie nicht. Nimmt man all das, was Schwangere nicht dürfen mal aus allen verschiedenen Broschüren und Internetauftritten zusammen, bleibt eigentlich nichts mehr über, was  werdende Mütter essen und trinken dürfen, bzw. wie sie sich körperlich bewegen dürfen. Alles wird in gewisser Weise fast gefährlich. Auf die Gefühle einer Schwangeren wird wenig eingegangen. Die Ambivalenz zwischen Glück und Panik wird meist der hormonellen Umstellung in  Rechnung gestellt.

Ebenso hoch anspruchsvoll ist das Gebären geworden. Die vielen Versprechungen und Werbeveranstaltungen der Geburtskliniken wecken viel zu oft falsche Hoffnungen und machen aus der Geburt ein Event.  Wenn es dann soweit ist, läuft es meist doch im Sinne der Klinik- Organisation. Nicht zuletzt brauchen Kliniken einen bestimmten Prozentsatz an Kaiserschnitten und Dammschnitten, sonst bekommen sie entsprechende Gelder nicht.

Auf jeden Fall wird das ?Projekt Mutter Sein? immer defiziler und was noch erschwerend hinzu kommt, auch immer einsamer, weil Mütter in der heutigen Gesellschaftsstruktur nur selten die Hilfe von Angehörigen in Anspruch nehmen können. Meistens sind sie Einzelkämpferinnen und oftmals auch berufstätig. Da bleibt kaum noch Zeit für uns selbst, da beginnt der Tag morgens um sechs und endet abends um zehn, in der Regel vor dem Fernseher einschlafend.

Ich wundere mich, dass Mütter nicht schon längst bundesweite Demos organisieren und Ackermann-Gehälter fordern für diesen Job, der zudem noch als die natürlichste Sache der Welt gesehen wird und der finanziell und vor allem emotional völlig ungesichert ist.

Ich beobachte im Gegenteil, dass Mütter sich dem Druck beugen, und oftmals verzweifelt versuchen, die Olympiade zu gewinnen.

Und ich zerbreche mir den Kopf darüber, warum das so ist. Warum wir uns das antun? Warum oftmals zwischen Müttern sowenig Solidarität ist.

Ein Ackermann-Bonus würde ausreichen, um tausende von Müttern mal auf Urlaub zu schicken. Ihnen Zeit zum Auftanken zu schenken, ihnen bei all den schwierigen Fragen auch Hilfe anbieten zu können.

Mama auf Urlaub!

Ich glaube, dass viele Probleme der Mütter in Erziehungsfragen entstehen, weil sie kaum die Zeit haben, sich auch einfach mal zu entspannen, mit anderen Müttern im Austausch sein können, von den Erfahrungen anderer Mütter profitieren können. Hinzu kommt, dass die Zeit, die Kindern bei den Müttern und mit ihnen verbringen, viel länger sind als früher.


Bei der geringen Verkehrsdichte war es in Ordnung, wenn auch die 3 oder 4-jährigen im Dorf oder auf dem Spielplatz unterwegs waren. Viele Hörner haben sie sich dort abgestossen, sie trugen ihre großen und kleinen Konflikte aus und kamen hungrig nach Hause, meist ausgepowert, denn wenn Kinder miteinander spielen, steppt der Bär und da wird nicht viel rumgesessen. Es gab nicht diese Menge an Reizüberflutung mit gleichzeitiger körperlicher Passivität und so waren die Kinder einfach auch müder, wenn sie abends ins Bett sollten.

Ich schwärme nicht von alten Zeiten, ich sehe nur die Veränderung und ihre offensichtlichen Auswirkungen, denn Eltern können Spielkameraden nicht ersetzen. Leider sind sie aber oftmals dazu gefordert.

Für meine Tochter Anna mit ihren 9 Jahren ist es ganz oft ein regelrechtes
Organisations-Management, Verabredungen mit Freundinnen zu organisieren,
weil die Terminkalender der Kinder oft einer 40-Stunden-Woche gleichen.

Ein großes Manko der Ganztagsschulen: die Kinder haben kaum noch Begegnungen mit Freunden in ihrem eigenen privaten Bereich, dazu bleibt keine Zeit. Kein Wunder, wenn Mütter das irgend wie ausgleichen möchten.

Im Moment gehen wir in der Schule immer mehr dazu über, dass die Kinder per Handy mit den Müttern auch mal spontan entscheiden, ob sie nach der Schule einfach gleich zur Freundin mitfahren, dort übernachten und gemeinsam dann am nächsten Morgen wieder zur Schule fahren. Wir Mütter hatten diese Idee, die Kinder fanden das toll und es funktioniert  eigentlich auch ganz gut. Und ich freue mich, wenn ich mal weniger  Trubel hier zu Hause habe, wenn Anna übernachtet. Sind die Kinder hier, ist es auch einfacher für mich, denn dann braucht sie mich viel weniger. Der Dauer-Ping bleibt aus.

 

Wenn ich hin und wieder bewusst ausblende, was alles zu tun ist:
Zahnputzüberwachung, Hausaufgaben, Logopädie, Dyskalkulie, alles an Informationen die ich freiwillig und unfreiwillig über die Medien aufnehme,  wenn ich also mal versuche, einfach nur Mutter zu sein, dann fühlt es sich schon leichter an. Und ich komme mir dann immer ein wenig so vor, als würde ich heimlich etwas verbotenes tun, oder gerade jemanden überlisten oder auch austricksen.

 

Wenn meine Jüngste mich mit morgendlichen Diskussionen über ?was ich aber unbedingt nicht anziehen will? belagert, dann komme ich besser damit klar, wenn ich nicht darüber nachdenke, welches Persönlichkeitsprofil sie hat, welche Freiheiten sie braucht, welche Entwicklungen sie durchmachen muss. Es geht am besten, wenn ich einfach meine Grenzen fühle und dem Drama ein Ende mache, indem ich einfach entscheide. Das konnte ich bei den anderen beiden Kindern noch längst nicht so gut. Neben mir stand immer die zweite Heike, die er ersten Kommentare zu ihrem tun abgab. Ich war  eine ständige Richterin meines Tuns und diese Richterin hatte viel gelesen und gehört .

 

Gerade kommt die Rasselbande nach Hause.  Nun, dann werde ich mal auf Mutterbetrieb umschalten ?

Bis später
Heike