"Eine Mutter, die sich selbst schützen kann, vermag auch ihr Kind zu schützen"

Hallo meine Lieben,

es ist schon eine Weile her und ich bin noch am verdauen. Das ist aber auch gut so, denn bekanntlich ist es besser, wenn wir zunächst erst mal "eine Nacht drüber schlafen", bevor wir uns zu einer Äußerung hinreißen lassen.

Nun, ich möchte mich nicht hinreißen lassen, aber es geht mir nicht aus dem Kopf und ich war zunächst auch regelrecht persönlich verletzt.  

Ich erzähle kurz und ich bitte Euch, nicht gleich aus der Haut zu fahren, sondern mir die Gelegenheit zu geben, meine Gedanken zu formulieren, von denen ich glaube, dass sie auch für einige von Euch nicht uninteressant sind.  

Also:

Es ging um unseren letzten Seminartermin, der auch bereits am Donnerstag und am Freitag mit Einzelterminen gespickt war. Ich freute mich drauf und ich wusste, dass ist die letzte Aktion vor meinem Mutterschutz.  

Es kam anders: Vorzeitige Wehen zwangen mich zu einer unorthodoxen Entscheidung, die Biggi auf ihre Art so wunderbar mit mir gemeinsam fällte: Wir sagen alles ab und wir begeben uns mal beide in die Ruhe, Akkus volltanken und einfach mal ausruhen.  

Dem ganzen vorausgegangen war ein Erlebnis, welches ich eine Woche vorher auf einem Seminar hatte, an dem wir mal selber teilgenommen haben. Wir machten eine Übung, die mich tief zurück in meine Säuglingszeit führte und ich habe diese Übung plötzlich unterbrochen, weil sich Leena meldete. Mein Baby hatte plötzlich Angst - richtige Angst. Wo ist meine Mama, was tut sie da und warum ist sie soooo weit weg von mir?

Das war DER Moment, an dem sich für mich zeigte: jetzt ist Schluss mit arbeiten. Jetzt braucht sie mich ganz und wollte ihr einfach nicht mehr so viel zumuten.  Die Absage der Termine hatte also ein Vorspiel. 

Verletzt hat mich die Aussage einer Frau, dass ich ja schließlich schon Kinder habe. Schließlich???  

Wer mich persönlich kennt, der weiß, das ich es mir nie leicht mache mit solchen Aussagen und nicht dazu neige, hier gleich zu einem Urteil zu kommen. Das bin ich auch nicht, aber ich habe immer und immer wieder darüber nachdenken müssen.  

Was verletzt mich oder meine Empfindungen denn hier wirklich? Warum lässt mich dieser Satz nicht los?  Jetzt wird es wirklich schwierig, denn eigentlich müsste ich mehrere Gedankengänge gleichzeitig schildern.  

Da ist auf der einen Seite der Babyneid, auf der anderen Seite ist da ein Kind, welches mit all dem nichts zu tun hat, letztlich nur seine Mama braucht. Da sind viele Kinder, die letztlich ihre Eltern brauchen. Und es gibt so viele Eltern, die ihren Kindern das tief in ihrem Inneren so gerne bedingunglos geben würden.  

Den Schutz, die Liebe, das Vorbehaltlose annehmen.

So eine kleine Kinderseele begibt sich auf eine weite und mutige Reise, wenn sie sich entscheidet, das Wagnis "Leben" auf sich zu nehmen. Dazu gehört viel Vertrauen. Vertrauen, was die Eltern sich selbst gegenüber oft nicht haben. Ob das nun bewusst so formuliert werden kann oder sich lediglich im Unterbewusstsein abspielt, einen großen Unterschied gibt es da nicht.  

Jede Frau, die weiß, dass sie ein Kind erwartet und auch jeder Vater - und dabei ist es vollkommen egal, wie präsent dieser Wunsch vorher war - geraten in Ängste und Zweifel.  

Und die Kinder auch.  

Ein hochsensibles Thema, hochsensibel alle Gefühle und Gedanken. Sehr zerbrechlich.  

Unsere Kinder sind immer unsere verletztlichste Stelle, und die genau hat sich bei mir gemeldet. Es geht nicht nur um mich - es geht um etliches mehr um sie und wenn ich mich nicht sicher fühle - und diese Unsicherheit kann auch durch solche Sätze entstehen - dann erfährt auch sie eine Unsicherheit, die diffus istund schlecht zu greifen, denn sie kennt kein Wertesystem und auch keine Lebensumstände, die sie irgend wie einordnen könnte.   

Das war es also, was mich dauernd grübeln ließ: wie  schütze ich dieses Kind vor diesen Gefühlen. Oder besser: wie können wir unsere Kinder vor diesen Gefühlen schützen, die oftmals durch so daher Gesagtes in uns entstehen, Ängste auslösen dann weiß keiner so genau, wie was zustande kam.  

Es geht ja noch weiter. Jede Schwangere ist einer Flut von Informationen und Regeln ausgesetzt.

Es ist vollkommen egal, wie sie sich verhält und was sie tut. Jeder wird unabhängig davon Tipps geben und ihr Dinge anraten, die sie noch nicht kennt, oder die sie sowieso schon beherzigt hat.  

JEDESMAL ist sie dann abgelenkt von ihrem Kind und beschäftigt sich mit mehr oder weniger klugen Ratschlägen... versucht diese für sich einzuordnen und spiegelt ihre "Mutterschaft" anhand dieser Regeln. Egal, ob bewusst oder nicht, sie bewertet sich und sie bewertet die Schwangerschaft im Kopf und ich bin fest davon überzeugt, sie tut das schon vor der Empfängnis, und erst recht, wenn sie eine Kinderwunschfrau ist.  

Alles das stört unser Seelenleben und den Frieden, den wir finden könnten, wären wir nicht so darauf getrimmt, dem Wertsystem unserer Kultur auf den Leim zu gehen. Gehen wir aber und so bleibt uns oft nichts anderes, als dieses Korsett mühsam zu entlarven und dann auch noch abzustreifen.  

Ganz leise hören wir dann ab und an die Stimme in uns, die uns die Gefühle unseres Kindes siganlisiert. Es braucht mich, es braucht mich, es braucht mich.  

Und wir sind beschäftigt mit Hormonen, mit Blutwerten, mit Verhaltensregeln, mit unseren eigenen Ängsten und mit unseren Ansprüchen, die wir an uns selbst stellen und die, die uns zugetragen werden.  

Viele Mütter beschreiben dass als: warum fühle ich mich so oft als schlechte Mutter?  

Es gibt eine Diskrepanz in unserer Gesellschaft, in der wir auf der einen Seite funkionieren sollen und wollen, auf der anderen Seite aber die Erfordernisse und Bedürfnisse der menschlichen Seele übersehen bzw. ihr nicht gerecht werden können, weil wir uns dem Raum dafür nicht zugestehen.  

Das macht Elternschaft so schwer.  

Auf der einen Seite die Liebe zum Kind - egal, wo es gerade ist, und auf der anderen Seite tausende von Infos und Regeln.  

Das war es also. Meine Erinnerung an diese scheinbar nicht zu vereinbarenden Gefühle des Hin- und Hergeissen seins. Hinzu kam, dass ich mich plötzlich konsumiert fühlte. Menschlich konsumiert.  

Ähnlich empfand ich es, als ich mit Anna in den Mutterschutz ging.  "Kannst Du schnell noch dies und das machen, können wir das vorher noch klären, bist Du noch erreichbar und so vieles mehr"  

Mutterschutz ist sowieso schon recht mager definiert, da er sich gesetzlich auf rein körperliche Vergänge konzentriert, da die emotionalen schlecht zu fassen sind.   

Eltern, die sich für ihr Kind entschieden haben und die Verantwortung übernehmen wollen, so eine kleine Seele zu begleiten, sollten freier von diesen Zwängen sein.  

Es war also auch eine nicht formulierte Sehnsucht in mir, die sich da zu Wort meldete. Die Sehnsucht, Elternschaft rücksichtsvoller zu gestalten.  

Es wird viel darüber debattiert, was für Kinder gut und schlecht ist. Es wird viel darüber gerätselt, warum die Gesellschaft so kinderfeindlich ist. Aber ich finde, sie ist auch Elternfeindlich und jede berufstätige Mutter, jeder berufstätige Vater kann darüber ein Lied singen.

 KEIN Arbeitgeber reagiert mitfühlend, wenn der Nachwuchs die Eltern braucht. Es ist ein wirtschaftllich definierbarer Faktor, und so wird Elternschaft letztlich bewertet.  

Also war es dann auch ein bisschen die Löwenmutter in mir, die sich zu Wort meldete: ich werde dieses Kind schützen.  

Kein Arbeitgeber sollte über den Kinderwunsch informiert sein. Das wissen wir alle instinktiv, dass wir das nicht offen äußern sollten. Denn dann erfahren wir recht schnell, das unser Kinderwunsch "unwirtschaftlich" ist.  

Und wir selbst? Sind wir frei davon. Sind wir bereit, Eltern voll zu unterstützen? Gestehen wir uns selbst diesen Schutz zu? Oder meldet sich ab und an das schlechte Gewissen?  

Was ließ mich also die ganze Zeit grübeln?  

Die verletzliche Mutter in mir.

Die Löwenmutter in mir

Die sehnsuchtsvolle Mutter in mir.

 

Alles ausgelöst durch einen kleinen Satz, der vermutlich nicht mal überlegt war oder böse gemeint war, sondern einfach so dahergesagt.  

Also war ich ja nicht wirklich beleidigt oder empört oder fühlte mich nur konsumiert.   

Es wurde eine Seite in meinem Inneren angespielt, die schon immer in mir klang - mehr oder weniger leise.  

Und jetzt, wo ich Euch dass alles erzählen durfte, fühlt sich mein Herz viel leichter an.  

Ich will hier gar keine Diskussion vom Zaun brechen, ob  unsere Regierung den Mutterschutz ändern sollte, oder aber die Arbeitgeber neue Bedingungen zu schaffen haben, oder wir den Elternkrieg anzetteln sollten. Das meine ich nicht. Ich meine die menschliche Stimme in uns, die aus sich heraus die richtigen Antworten weiß, wenn wir ihr zuhören und sie freilegen von all dem Unkraut, welches in unserer Kultur wächst und gedeiht.  

Denn letztlich werden wir uns selbst immer das zugestehen können, was wir auch anderen zugestehen und umgekehrt.   

Es ist mit ein Teil unserer eigenen Verantwortung hier aufzupassen. Auf unsere Worte, auf unsere Überzeugungen und auf unser Wertesystem.  

Was wir den Eltern zumuten, muten wir auch ihren Kindern zu. Egal, ob diese bereits empfangen sind oder erst noch empfangen werden.  

Was wir uns zumuten, muten wir auch unseren Kindern zu. Egal, wo diese gerade sind und von wo aus sie uns beobachten.  

Der Perfektionismus, denn wir von uns selbst erwarten, erwarten wir auch von anderen und umgekehrt.   

Die Schwäche, die wir uns nicht zugestehen, gestehen wir auch anderen nicht zu und umgekehrt.  

Jede Bewertung wird sich auch in uns manifestieren. Das ist so, denn wir können nicht bewerten, ohne uns als Teil dieser Bewertung zu sehen.  

So ein kurzer Satz und was hat er für eine Gedankenflut in mir ausgelöst. So wie alle kurzen Sätze auch in Euch Gedankenfluten auslösen und darüber hinaus wieder in die Liebe zu kommen, das sollte unser Ziel sein.  

Ich danke Euch für´s Zulesen!  

Herzliche Grüße  

Heike , 8.7.2004