"Die Dunkelziffer ist hoch! "

 

Ihr Lieben, 

ich habe viele Emails von Euch erhalten und dafür möchte ich Euch danken. Es bewegt mich tief, dass die meisten Emails im Bezug auf das Erlebte einen Konsenz haben: Auch Jahre später fällt es den Müttern nicht leicht, darüber zu schreiben, geschweige denn zu reden. So tief ist der Schmerz. 

Wenn ich an meine eigene Geschichte denke, die nun schon 21 Jahre her ist, dann kann ich diesen Gefühlen zustimmen. Auch ich brauchte eine sehr lange Zeit, bis ich aus einer gewissen Distanz darüber berichten konnte.  

Weil mich viele Frauen auch gefragt haben, wie denn so ein Bericht aussehen könnte, möchte ich hier einfach den Anfang machen und nicht das erste mal,aber aus einer anderen Motivation heraus von mir und meinem Sohn schreiben. 

Als ich das erste Mal schwanger war, gehörte ich einer Generation an, die sich auf die Fahne geschrieben hatte, den Kindern schon in der Schwangerschaft ein glückliches Gefühl zu geben, sie sanft zu gebären und auch zu stillen und die Babywiege abzuschaffen, weil ein glückliches Baby an den Körper der Mutter gehört. Ich habe Jean Leadloff verschlungen und Leboyer gelesen und mir ausgemalt, dass mein Kind teilhaben dürfe an all meinen alltäglichen  Unternehmungen. Ich hatte mindestens drei Tragetücher und ich hatte das Glück, in einem der ersten Geburtshäuser in Berlin entbinden zu können. Für meinen Mann war klar: er ist bei der Geburt dabei und natürlich würde er seine kleine Familie auch gleich wieder mit nach Hause nehmen. 

Wir besuchten Geburtsvorbereitungskurse und amüsierten uns über die Eltern, die noch ganz altmodisch ihre Babys im Kinderwagen herumfuhren. Wir sahen  im Fernsehen die Studentinnen und Parlamentsabgeordneten, die ihre Kinder im Tragetuch mit in die Uni und in den Bundestag nahmen.  

Ich hatte dann eine schöne Entbindung und es gibt da auch noch lustige Anekdoten, etwa die Bauarbeiter am Klausener Platz, die ob meiner sichtlichen Wehen dann doch etwas beunruhigt waren. Es war schön draußen und ich wollte unbedingt spazieren gehen, was die Fertigstellung der Bauarbeiten mit Sicherheit verzögert hat ? 

Ich hatte eine wunderbare Hebamme und zwei liebe Freundinnen waren ebenfalls dabei. Trotzdem war es sehr ruhig und auch feierlich.  

Irgendwann verließen mich dann meine Kräfte und ich kam in die Angst. Als die Presswehen einsetzten, war ich entsetzt über den Schmerz und als mein Sohn endlich geboren war, fühlte ich erst einmal gar nichts. Ich war völlig erschöpft, völlig neben mir und konnte einfach nicht fassen, was mir da passiert war. Ich glaube, ich hatte mich schon aufgegeben. Wenn ich das Bild sehe, welches es von diesem Moment gibt, schießen mir immer noch die Tränen in die Augen - so verletzlich und traurig sehe ich darauf aus.  

Als mir mein Sohn auf den Bauch gelegt wurde, konnte ich erst einmal keinerlei Impuls in mir fühlen. Ich hatte einfach nur ein tief schmerzhaftes Mitleidsgefühl für diesen kleinen Kerl, dessen Mama sich einfach nicht um ihn kümmern konnte.

Irgendwann hob er dann seinen Kopf und sah mich lange und sehr intensiv an. In diesem Blick lag Weisheit und - Vertrauen!  

In dem Moment überwältigte mich eine riesige Angst vor dieser Verantwortung. Ich fühlte die Mutterliebe in mir, aber auch die machte mir nur Angst. Ich weiß noch wie ich sagte: "Oh, soll ich bis an mein Lebensende so sehr lieben? Das halte ich doch gar nicht aus. ....!" 

Denn gleichzeitig war er mir so fremd. 

Alles was um mich herum passierte, das Einpacken unserer Sachen, das Anziehen des Babys, die Hebamme, die mich unter die Dusche begleitete, bekam ich überhaupt nicht richtig mit. Ich war unter einer Glocke und ich glaube, es war so eine Art Schock. 

Als wir zu Hause ankamen, in der Nacht war der Mond voll und riesig,  wollte ich mich auf mein Bett legen. Da kam ich aber gar nicht mehr an, ich sackte schon an der Tür in mich zusammen, konnte einfach nicht mehr aufstehen.  

Von außen war alles gut gewesen. Ohne Komplikationen, nicht zu lange, gut behütet und versorgt, sogar das Anlegen hatte keinerlei Probleme gemacht, aber in mir drin war es starr vor Schrecken.  

Die nächste Woche verbrachte ich im Bett. In meiner Erinnerung war es andauernd dunkel - was in einem schönen Maimonat eher unwahrscheinlich ist. Ich hatte fürchterliche Sehnsucht nach meiner Mutter und konnte vor lauter Heimweh immer nur weinen. Ich versorgte mein Baby und war froh, wenn der Papa es mir abnahm. Ich bekam Fieber und träumte andauernd, dass meinem Mann etwas passieren würde.  

Ich war nie alleine, meine Freundin und mein Mann kümmerten sich um alles. Mein Mann musste nicht arbeiten, er befand sich direkt zwischen Staatsexamen und  den Sommerferien und konnte dauernd bei uns sein. Trotzdem war ich noch nie in meinem Leben so einsam gewesen.  

Und dann diese fürchterliche Ambivalenz: Auf der einen Seite liebte ich meinen Sohn inniglich, auf der anderen Seite machte er mir Angst und er blieb mir fremd. Nach vier Wochen dachte ich, ich würde wahnsinnig werden. Ich machte mir ernsthafte Sorgen um mich, ich konnte nicht Radio hören und nicht fernsehen, ich konnte kein Buch lesen und ich war ständig fahrig und nervös, träumte wirres Zeug.  

Heute weiß ich, dass das Teil des Babykokons ist, damals hat es mir einfach nur Angst gemacht. Es hat mir niemand gesagt, dass das alles ein Stück weit normal ist, und dass sich meine Wahrnehmung auch wieder ändern würde.  

Das erste Jahr war ein ständiges Überfordert und Übermüdet sein. Ich erlebte mich erschöpft, resigniert, wütend, hilflos und voller Zweifel. Meine Schuldgefühle drohten mich manchmal geradezu hinwegzuschwemmen. Ich weinte viel und ich dachte manchmal, ich würde nie wieder in meinem Leben glücklich sein können.  

All diese Schuldgefühle, all diese Zweifel und die Angst vor der Zukunft begleiteten mich dann auch die nächsten Jahre. Ich wusste nicht, wie ich erziehen soll, weil ich mich ständig überprüfte, verurteilte und mich als völlige Un-Mutter empfand.  

Als mein Sohn zwei Jahre alt war, wollte ich ihn nur noch wegegeben. Ich wollte, dass er es woanders besser hat als bei mir. Gott-Sei-Dank wusste mein Mann das zu verhindern.  

Als er sechs war lernte ich Menschen kennen, die mir erstmals wirklich zuhörten und ich konnte mir all die Qual von der Seele reden. Über ein halbes Jahr lang haben wir uns einmal pro Woche getroffen und gemeinsam gearbeitet. Jede für sich an ihren Problemen mit allen gemeinsam. Und dann wurde es endlich besser. Und mündetet darin, dass ich meinem Sohn das erste Mal eine Ohrfeige gab. Das ist nicht rühmlich, aber für mich war es wie eine Befreiung - ich kann das schlecht erklären.  

Was mich immer wieder erstaunte, war, dass andere mich als Übermutter empfanden. Ich selbst fühlte mich in keinster Weise so. Ich versuchte nur, all die Defizite, die mein Sohn meiner Meinung nach haben müsste aufgrund meiner Depression, auszugleichen.   

Das war ein ständiger Eiertanz mit vielen Versagensängsten und Schuldgefühlen, mit immer wieder kehrenden Anfällen von Verzweiflung. Mit einem starken Gefühl der Einsamkeit und der Ausweglosigkeit.  

Erst vor einigen Jahren hörte ich von der Wochenbettdepression. Erst im letzten Jahr fand ich Statistiken darüber. In Deutschland ist jede 4. Frau betroffen, bei Frauen mit einem langjährigen Kinderwunsch ist die Zahl sogar nochmals höher.

Ich möchte mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln darauf hinweisen, dass dieses Problem nicht so sehr selten auftaucht. Und es gibt viele Hilfsmöglichkeiten. Immer noch aber wird dem Thema nicht die notwendige Aufmerksamkeit gegeben. Immer noch bleiben die Frauen alleine mit ihren Problemen.  

Und immer noch führt vermutlich die Schuld dazu, dass die Scham so groß ist, dass die Frauen nicht darüber reden. Und natürlich der Schmerz. 

Auch ich kann 21 Jahre später nicht völlig gelassen hier sitzen und diese Zeilen schreiben. Aber ich hoffe, dass ich damit einen klitzekleinen Beitrag dazu leisten kann, dass Frauen sich nicht mehr ganz so alleine fühlen und aus der Isolation heraus kommen.  

Herzliche Grüße

Heike